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Break Out interview with Flake and Till

Information

Date: June 2004
Source: Break Out
Interviewed: Flake and Till

Interview

Lange war es sehr ruhig um Deutschlands beliebteste Kritikerband. Drei Jahre nach dem "Mutter"-Release melden sich die Könige des martialischen Rock mit ihrem neuen Album "Reise, Reise" wieder zurück - und, um es gleich vorwegzunehmen, mit einer gehörigen Portion Mut für Veränderungen. Die letzten Jahre waren sehr stressig für das Sextett aus dem Großraum Berlin - einige Welttourneen, neue Platten, monströse Live-Darbietungen und immer darauf bedacht, dem Fan nicht nur Hörbares zu vermitteln, sondern auch immer etwas für das Auge mit im Gepäck zu haben. Dies alles hinterlässt auch seine Spuren und prägt eine Band. An einem schwülen Freitagnachmittag im Juni luden die Herren Lindemann und Dr. Lorenz zu einem netten Plausch über die neue CD, die Vergangenheit und die Zukunft in einem Münchner Nobelhotel.

In den letzten Monaten kursierten immer wieder die Gerüchte, dass sich die Band zerstritten hätte und kurz vor der Bandauflösung stehen würde.

Flake:Bei sechs Mann ist es völlig normal, dass man sich auch streitet, und durch Gerüchte entstehen dann auch irgendwelche halbgesagten Sachen zum Beispiel im Internet oder so - wir hätten schon was gesagt, wenn es so weit gewesen wäre. Ich habe das lustigerweise erfahren, als ich im Sound & Drumland war, um ein Kabel zu kaufen. Ich bat den Verkäufer, er solle die Rechnung bitte auf Rammstein ausstellen, aber der meinte zu mir: ´Wieso auf Rammstein, für was braucht ihr ein Kabel, euch gibt es doch gar nicht mehr?´ Ich dachte nur: Aha!!

Till:Ich denke, die Gerüchte kamen auch daher, dass Richard nach New York gezogen ist, ich bin zurück nach Mecklenburg gegangen, wo ich eigentlich auch herkomme. Und vielleicht hat irgendjemand an einer falschen Stelle ein Interview gegeben, wo auch mal gefallen ist, dass wir uns mal gestritten haben - und da jeder immer dachte, bei Rammstein herrscht auch über die Jahre hinweg der Ostdeutsche Kollektivgeist bla bla bla - ist dies nun das Ende der Band? An alledem ist und war nichts dran, und außerdem streiten wir uns dauernd und das gehört auch dazu!

Flake:Dazu kommt noch, dass Richard an einem Solo Projekt arbeitet, aber ich weiß auch nicht, wie weit dies gediehen ist.

Interessant, Richard Kruspe-Bernstein arbeitet an seinem Solo Projekt.

Till:Er hat uns gefragt, ob er was eigenes neben Rammstein machen kann, und wir haben ihm den Freibrief gegeben - warum auch nicht. Richard hat immer sehr viel Input in die Band gebracht. Aus diesem Grund gab es bei dieser Aufnahme zur neuen CD auch einmal mehr Platz, so dass auch andere in der Band zu Zuge kamen, sich einzubringen. Wir haben eine organische Proberaum-Situation geschaffen, wo sich diesmal jeder einbringen konnte. Richard macht dann noch nebenbei sein Solo Projekt, aber das ist seins, und keiner weiß, wie weit es gediehen ist. Ich habe ja zwischendurch auch ein Buch herausgebracht und in einem Film mitgemacht. Flake und Paul haben an einem Buch geschrieben. Dies alles ist auch eine Form, wodurch wir viel lockerer miteinander umgehen und auch toleranter geworden sind. Früher wäre dies unmöglich gewesen. Früher war es immer ´friss oder stirb´ mit der Band. Ich finde es total gut, dass die Zügel sich etwas gelockert haben und jeder sagt: du machst deines, ich mache meines. Trotz alledem haben wir eine großartige Platte gemacht, und das ist ein Zustand, den ich ganz doll begrüße!

Beim Hören von "Reise, Reise" fällt schon auf, dass Rammstein versucht haben, hier neue Wege zu beschreiten. Mit der Singleauskopplung "Mein Teil" wird voll in die klassische Rammstein-Kerbe geschlagen, während andere Songs viel poetischer/ melancholischer/ musikalischer ("Amour" - diesen Song hätte auch Alexandra singen können! "Morgenstern", "Wo bist Du") daherkommen. Dann haben sie aber auch wieder entschärfte Mitsing-Songs zu bieten wie "Amerika" oder "Reise, Reise". Der Song "Flugangst" hätte auch auf dem "Sehnsucht"-Album sein können. Das ganze ist wesentlich facettenreicher und wird den klassischen Rammstein Fan, der die brachiale Gitarrenarbeit liebt, eher ins Grübeln bringen und den neuen, noch zu erschließenden Fan, dank der singenden Stimme Till Lindemanns, Rammstein eher näher bringen. Die Gratwanderung, die Rammstein mit "Reise, Reise" beschritten haben, hat mich beeindruckt und ist geglückt.

Flake:Du bist ja wie ein Arzt.

Till:Mit 'Mein Teil' kommen wir ja auch zurück. The Boys are back in Town. Ich ärgere mich ein bisschen, denn ich habe am Anfang ganz doll rumgenervt, als wir den Song 'Amour' aufgenommen haben, denn dieser Song ist so eine Duettsache gewesen so wie diese Kylie Minogue / Nick Cave-Geschichte. Die Strophe von einer Frau gesungen, das wäre schön gewesen. Aber auf mich hat keiner gehört, denn ich habe eh nichts zu melden... [Grins!]. Das ist hier eh der schlimmste Nervsack in der Gruppe [Herr Lindemann zeigt mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht auf Herrn Dr. Lorenz]. Schau mal, der ist ganz dünn geworden.

Flake:Wir schreiben ja keine Songs wie im klassischen Sinne. Wir haben uns einfach in den Proberaum gestellt und zusammen Musik gemacht. Ganz frei und ohne, dass jemand von uns eine Vorgabe gab. Wir waren nie weg vom Fenster. Nach 'Mutter' haben wir zwei Jahre getourt, dann hatten wir im Prinzip sechs Wochen frei, und dann fingen wir auf den Punkt an zu arbeiten. Der kreative Prozess zu dieser Platte begann sofort nach der Tour. Wir waren diesmal sehr schnell mit der Platte, weil es keine Komplikationen gab. Wir mussten nichts doppelt mischen, und wir mussten nichts verschieben. Es war eigentlich die erste Platte, die nach Plan lief, die ganz schnell und entspannt war.

Till:Die Etappen wie das Mischen zogen sich über acht Wochen hin. Wir hatten ein paar mehr Songs auf dem Plan, und deshalb gab es diese momentane Verzögerung. Alle waren aber immer zur rechten Zeit am rechten Ort. Selbst Richard war immer da, wenn er da sein musste. Diesmal wurde die Platte wirklich im Proberaum erstellt und wie früher, wo mit Tapes in den Proberaum gekommen wurde und dann die Songs gemacht wurden. Generell wurde diese Platte komplett von uns allen in einer Zusammenarbeit erspielt.

Der provokativste Titel auf der Platte ist unangefochten "Mein Teil". Der Text handelt über den in den Medien bekannt gewordenen "Kannibalen von Rotenburg - Armin Meiwes" und zeigt die menschlichen Abgründe auf.

Flake:Diese Geschichte hat mit Kannibalismus nichts zu tun. Das Wort ist in dieser Beziehung falsch. Wenn man sich in gegenseitigem Einvernehmen aufisst als Art der Beziehung - das hat ja auch was mit Sex und Liebe zutun - das ist kein Kannibalismus, das Wort ist einfach falsch gewählt. Wir singen nicht über Kannibalismus, sondern wir singen über diesen einen Fall von Armin. Wir brechen da kein Tabu, sondern wir stellen die Sache nur dar.

Till:Die Frage ist, welches Teil von einem Körper gehört in welches Loch - also, wir kennen den klassischen Sex, aber hierbei geht es doch um eine ganz andere Form von Sexualität. Das ist so eine Art von multiplem Oralsex!

Ok, aber was ist mit der anschließenden Todesfolge?

Till:Das ist doch wurscht. Die Leute krepieren, weil sie Viagra oder Koks nehmen und auf einer Nutte liegen. Das ist auch Todesfolge. Wenn das, was er so wollte, ihn auch glücklich gemacht hat, dass er dabei stirbt, dann ist das krank, aber so krank, dass es faszinierend ist!

Flake:Wir brechen keine Tabus, wenn der Stern davon einen sechs Seiten Artikel mit bunten Fotos und alle finden es in Ordnung macht - und wenn wir einen Song davon machen, halten sich alle daran fest.

Till:Das stimmt nicht, denn der Stern hat von der Presseaufsicht eine ganz große Rüge bekommen. Das zeichnet den Stern aber wiederum aus, sich so aus dem Fenster gelehnt zu haben. Und der Stern, der immer so polarisiert und kritisiert, immer ganz streng ist mit allem, hat diesmal auch gelost, weil an einer solchen Story natürlich auch ein Reiz ist. Außerdem haben sich alle um diese Story gekümmert, die Bild Zeitung war wohl noch nie so gut verkauft wie mit diesen Artikeln. Außerdem wissen wir alle, dass es so etwas gibt und dass es passiert. Meiwes hat ja auch allen Ernstes vor Gericht behauptet, dass er ihn in diesen paar Stunden, in denen sie sich kannten, geliebt hat, sogar beim essen noch, und er will ein Teil von ihm sein. Das ist eine Art von der dunklen Seite der Liebe - es ist vielleicht sogar ein Liebeslied. Wir haben ja auch holt die Tante aus dem Grab und leg dich daneben 'Heirate mich' - so was gibt es einfach. Ich finde so was faszinierend.

Flake:Das ist verrückter, als wenn Till sich das ausgedacht hätte - wenn er sich an den Schreibtisch gesetzt hätte, und dabei käme eine Beziehungsgeschichte heraus, wobei der eine dem anderen den Schwanz abschneidet, und sie essen ihn zusammen auf, und dann ißt er ihn ganz auf. Jeder hätte dann gesagt, was hat Till für eine kranke Fantasie, was geht bloß in Tills Kopf vor? Aber es war einfach da und es ist die Wahrheit!

Beim Song "Amerika" scheiden sich dann die Geister. Ein geiler Song zum Mitsingen, der sicher bei den Live-Konzerten zu den neuen Highlights zählen wird "'Amerika Amerika - Coca Cola - Wonderbra und Sometimes War'". Warum aber hat hier Till Lindemann in seinem Text nicht mehr provoziert?

Till:Noch mehr provozieren? Wir wollen nicht kritisieren. Wir haben schon gerade das Problem, dass uns 'Amerika' als politischer Song ausgelegt wird. Uns wird jetzt unterstellt, Rammstein wird politisch, und wir wollen nur Fakten und Tatsachen aufzählen, genauso wie bei Armin, das passiert wirklich, und jeder ist daran beteiligt. Seit dem Irak Krieg ist das auch ein Thema bei uns geworden. Wir haben uns in den Proberaum die Bilder von dem Saddams Palast in Bagdad gehängt, bevor die und nachdem die Amis da waren. Die Amis sitzen mit stumpfem Blick in dem Sessel, rauchen, haben ihre Knarren im Anschlag, und okkupieren mal wieder. Ich saß mit Flake vor den Bildern, und wir haben versucht nachzuvollziehen, wie viel kleine Kriege die so im Laufe der letzten zwanzig Jahre angezettelt haben. In Südamerika, Lateinamerika, Angola, Korea, Vietnam - die haben ´ne ganze Menge Baustellen gehabt. Deshalb dieses 'Sometimes War': Das ist so wie die Coca Cola Büchse im Mariangraben, wo der Tiefseetaucher runter geht und findet unten diese Coca Cola Büchse. Sie haben ihre Fahne in den Mond gesteckt - die Amis sind überall! Selbst wenn du eine deutsche Kaffeemaschine kaufst, ist die Gebrauchsanweisung in Englisch. So wird amerikanisiert und die Subkultur wie zum Beispiel das Essen auf die ganze Welt übertragen. Wie so eine Seuche macht sich das breit. Da gibt es doch diesen Bazillus, der kriecht überall hin, und mich würde nicht wundern, wenn in Afrika der Santa Claus kommt. Halloween, wird jetzt hier immer mehr gefeiert - früher hieß das Fasching bei uns im Osten. War eigentlich dasselbe Prozedere, dass sich die Kinder maskiert haben, und ich war absoluter Fan, mir Frauenkleider anzuziehen. Das fand ich immer geil, ist aber ´ne dunkle Seite von mir [grins!]. Jetzt heisst es Halloween, und man schneidet Kürbisköpfe auf. Das Erschreckende dabei ist, dass alle ihre Kulturen und Traditionen vergessen und nehmen das alles an, ohne sich dagegen zu wehren. Das wird einfach so adaptiert. In Mecklenburg stehen Plaste-Rentiere zu Weihnachten in den Vorgärten und die Leute schmücken ihre Häuser mit Lichtketten. Wenn ich das sehe, kriege ich ne Krise, und das nervt mich ganz doll. Wir haben auch in Amerika mit 'Mutter' nicht soviel getourt wie zuvor, denn die haben in Amerika nur 110 Volt, und wir haben 220 Volt, da klingen die Gitarren viel besser [Langes und lautes Gelächter in der Runde!!]. Außerdem haben wir auch nach Amerika die deutsche Kultur gebracht. Frag mal in Amerika nach speziellen deutschen Geschichten, die sagen dann Mercedes, Schumacher, AEG und Rammstein. Wir sind eine Institution geworden. Ich war auch sehr begeistert von unserer deutschen Regierung, dass sie nicht dem Rufe der Amerikaner gefolgt sind, in den Krieg einzutreten. Im Vorfeld hätte ich Stein und Bein geschworen, die machen da mit, und fand es umso großartiger, dass sie Nein gesagt haben. Dennoch finde ich auch Gutes an den Amis. Zum Beispiel viele Filme, großartige Musiker und Musik und in einigen Dingen sind sie schon führend in der Welt, aber das Ding mit der Weltpolizei finde ich weniger toll.

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